Erdspuren

Es ist eine Frage des Betrachtungsstandpunktes: Manche Ruinen sind vornehme Zeugen einst blühender Kulturen, andere bloße Spiegel von Zerstörung und Flucht. Einige sind unsichtbar, schlummern erdbedeckt zu unseren Füßen. Diese sucht man, jene flieht man. Einige verbergen Schätze, andere ausschließlich tiefes Leid.
Ibrahim Coskun kennt sich seit frühester Kindheit aus mit Ruinen. Und mit der Erde, die sie umfängt. Dem kleinen kurdischen Bauernsohn sind sie Rückzugsort und Spielsache zugleich. Keine amour fou entsteht da, sondern eine rückhaltlose Liebe, die, das spürt er, ein Leben lang nicht sterben wird.
Die staubigen Äcker rund um seinen Heimatort Tunceli bergen Altertümer, die in den 50er Jahren noch niemanden interessieren. Ihn schon. Mit bloßen Händen gräbt er nach dem Gold seiner Phantasie. Und tatsächlich: Er findet einen realen Schatz, von dem er hofft, er werde seinen sorgengeprüften Eltern mehr Liebe entlocken. Doch der Bronzekrug mit dem zierlichen Figurinengriff enthält nur Asche.
Die Mutter tauscht den Schatz gegen einen Korb aus Plastik.
'Erdbilder' nennt Ibrahim Coskun seine zwischen 1997 und 1999 entstandenen Arbeiten. Das ist sein ganz persönlicher Arbeitstitel, offiziell trägt kaum eines seiner Werke einen Namen. "Ich bin wie damals auf der Suche nach Strukturen von Erde, nach dem, was sie vor mir geheim hält." Hin und wieder gelingt es ihm, eines dieser Rätsel zu entschlüsseln. Dann bekommt der Begriff 'Erde' auf der Leinwand eine haptische Qualität, wird dreidimensional, lebendig. Ein Strudel von Sehnsüchten öffnet sich dem Betrachter, dessen stärkster Sog ein Verlangen nach Berührung ist. Ahnend, dass unter der Anmut der Farben noch ein anderer, metaphysischer Schatz liegt.
Es muss ein Triumph sein, nach Jahrzehnten der Erforschung des eigenen künstlerischen Ich Schatzsucher und -wächter in einer Person zu sein?
Ja und nein. Er würde von etwas anderem malen, wäre da nicht dieser unauslöschbare Drang nach dem Konstruktiven, dem Wiederaufbau, der inneren Rückkehr aus dem äußerlichen Exil. Zurück in eine Heimat, die eigentlich nie so recht eine war.
Coskun mag es nicht, wenn manche seine Arbeiten als pure Sozialkritik interpretiert werden. Ein Artefakt, sagt er, sei das. "Ich male, was ich sehe und gesehen habe. Diese Bilder trage ich in mir: Viele davon sind eben keine schönen Erinnerungen." Punkt.
Punkt? So emotional entladend und therapeutisch für den Künstler sie auch sein mögen, so eindeutig beschreiben manche Arbeiten jedoch auch einen politischen Status quo. Entvölkerte Dörfer, verwaiste Häuser - Coskun skizziert ein Kurdistan, das, sollten die Verhältnisse sich nicht ändern, ausschließlich Geisterstädte beherbergt. Ruinen aus Stein und versteinerte heimatlose Seelen. Hasspotenzial satt für unzählige Generationen.
Coskun ist ein kämpferischer Mensch, der jede Gewalt verabscheut. Ein sanftmütiger Charakter nach außen, von heute seltener, angenehmer Nachdenklichkeit. Kein Konflikt, der sich nicht durch Kommunikation lösen ließe, so glaubt er. Ja, das gilt auch für Probleme von globaler Größenordnung. Ein Dialog mit ihm erlaubt Besinnung; die Zwiesprache mit seinen Bildern verursacht indes aufrührerische Ruhe.
Ich bin in seine Bilder gelaufen, wie man auf einen lange vermissten Freund stößt. Zufällig, ohne Absicht, versunken, auf dem Weg zu etwas völlig anderem als Kunst. Zuerst habe ich sie gerochen, den schweren Atem von Öl auf Leinen. Pure Neugier hat mich an der Ateliertür klopfen lassen. Seither verbindet uns so etwas wie Freundschaft, die Bilder, den Maler und mich. Vielleicht hatte es mit der Leichtigkeit dieses Sommertages zu tun, der so anders war, als das Gros des deutschen Alltags: sonnig, heiß, prall von entschlossener Lebensfreude.
Dass das Klima die Farbwahl bestimmt, der Energielevel, die kreative Kraft - schon wieder ein Klischee. Coskun hatte mehr als ein halbes Leben lang Zeit, sich an die vier Jahreszeiten zu gewöhnen. Dennoch, für seine Arbeit sind sie nach wie vor von zentraler Bedeutung. Spielt das Wetter nicht mit, wird das Malen nicht selten zur körperlichen Tortur. Der kreative Output ist ein anderer, und das ist wertfrei gemeint, denn manche solcher Tage provozieren Arbeiten von besonderer Emphase.
Dass es sein muss, das Malen, steht dabei außer Frage: Coskun beschreibt seine Arbeit als "eine Art Sucht". Nach zwei atelierlosen Tagen kämpft er mit Entzugserscheinungen. Eine Hörigkeit, die gepflegt sein will, die er mit großer Disziplin von einem zum anderen Exzess treibt.
Die Sucht ist ihm kreativer Motor - Disziplin ist Produktivität. Doch Disziplin ist auch Handwerk: Ohne die ständige, fortwährende Auseinandersetzung mit den Gegenständen bildender Kunst, dem Material, der Theorie, dem Zeitgeschehen, das weiß Coskun, hätte er nie zu seiner heutigen Ausdrucksstärke gefunden.
Also wird man doch nicht als Künstler geboren? Vielleicht schon, zum Teil, aber es ist alles eben auch eine Frage der Möglichkeiten. Im Kurdistan der zweiten Jahrhunderthälfte waren die Möglichkeiten gleich Null. Um so mehr wächst die Hochachtung vor der, im besten Sinne kosmopoliten Bildersprache Ibrahim Coskuns.
"Ein Bild ist zuerst ein Bild und dann ein Thema." Ein Satz, der stutzen lässt, vermutlich aber für nahezu alle Arbeiten Coskuns gilt, mit Ausnahme vielleicht der als Wutkompensation gemeinten Serie 'Die wahren Gesichter der X'. Nicht von ungefähr eine der wenigen betitelten Serien, in der er überdies, wie sonst nur selten, der Abstraktion entsagt.
Coskuns Arbeiten sind eigenständig, auch wenn sie Teil einer Reihe sind. Die einzelnen Fragmente einer Arbeit besitzen eine Dinglichkeit, die thematisch wirkt, zumindest in der Phantasie des Betrachters.
Wenn aber ein Bild zuerst ein Bild ist und erst in zweiter Instanz ein Thema, wie - und warum - entsteht dann das Thema? "Manchmal ist es sofort da, manchmal erst nach Tagen." Wie in frühester Kindheit sucht Coskun heute noch nach Strukturen und Konsistenzen. Erst wenn die entdeckt sind, kann er sie bearbeiten, nach seinem Belieben formen und verändern. Nach manch einer Sequenz stellt er fest, dass es das déjà-vu einer Landschaftsfacette war, das ihn getrieben hat, oder vielleicht ein Gefühl diffuser Ohnmacht.
Trotzdem: Auch ein einmal gefundenes Thema ist nur eine Phase. Ein Thema muss für mehrere Bilder taugen, sonst befriedigt es ihn nicht. Phasen haben naturgemäß einen Anfang und ein Ende. Der Bilderfundus, den Ibrahim Coskun noch in sich trägt, ist endlos.
Ein Archäologe hat Coskun vor einigen Monaten erzählt, dass die Bronzeurne seiner Kindheit ein kleines Vermögen wert war. Gerade weil sie nur Asche enthielt.
Der Wert eines Schatzes, eines Bildes, einer Ruine? Letztlich alles nur eine Frage des Betrachtungsstandpunktes.

Birgit Kahle

Birgit Kahle, geboren 1960 in Pinneberg, lebt als freie Journalistin und Autorin in Bielefeld.