"Nein, Kunst hat es da nie gegeben."

"Nein, Kunst hat es da nie gegeben", sagt er über das Dorf im Osten Anatoliens, wo er aufgewachsen ist. Aber was viel schlimmer ist: dort gibt es inzwischen kaum mehr Leben. "Der Ort ist halb ausgestorben, mit Ausnahme der Alten sind sie fast alle weg."
Fast dreißig Jahre ist es her, da Ibrahim Coskun seine dersimer Heimat verließ und als 'Gastarbeiter' nach Deutschland ging; fast zehn Jahre, da er letztmals sein Dorf besuchte, das Heimat zu nennen nur Erinnerung meint und Trauer über ein verlorenes Gut. In seinem Innersten lebt es weiter und artikuliert sich in den Bildern des längst zu einem Bielefelder gewordenen Künstlers.
Wenn er sagt: "Ich male meine Heimat", ist dies allerdings nicht so gemeint, wie es leicht aufgefasst werden kann. Heimat ist hier nicht eine konkrete, äußerlich identifizierbare Örtlichkeit, nicht Gegenstand plakativer Darstellungen in aufklärerischer oder anklagender Absicht; davon hat Coskun nach und nach Abstand genommen. Es besagt vielmehr ein inneres Verständnis, meint Heimat, wie er sie - auch in aller Zerrissenheit - in sich hat, wie er sie fühlt, sich an ihr abarbeitet, um zu (über)leben in der ihm verbliebenen Heimatlosigkeit. Dies ist es, was er symbolisch zu 'beschreiben' sucht in der Sprache abstrakt-expressionistischer Malerei unserer Zeit. Erst darin hat er die Freiheit gefunden, sich adäquat zu artikulieren.
So gesehen sind es Bilder von Heimat als Ort seiner Seele - "Mitteilungen meines Innersten", wie er selber sagt. So sehr auch motiviert und geprägt von seiner konkreten Biographie, seiner Identität als Dersimer, seiner Erfahrung von Verfolgung und Exil, will Ibrahim Coskun sie in einem allgemeinen, einem gewollt verallgemeinernden Sinne verstanden wissen: Wenn seine Kunst für etwas steht, dann für die existenzielle Befindlichkeit eines von Verwurzelung wie Entwurzelung gleichermaßen gezeichneten Menschen wie ihn. Es ist dies ein Standpunkt künstlerischer Autonomie in einem gleichwohl politischen Kontext. Ibrahim Coskun hat ihn sich schrittweise erarbeitet, nachdem er die Grenzen gespürt hatte, an die er mit politisch-plakativer Kunst - ein ihm lange selbstverständlicher Anspruch - gestoßen war: die Grenzen, die die sich entwickelnden künstlerischen Artikulationsbedürfnisse setzten. Als Künstler will er nicht mehr einer Sache, sondern sich selber 'dienen'. Das ist nicht eine Abkehr von der Sache, sondern ein Zugewinn an persönlicher Freiheit, ohne die sich doch für kein politisches Anliegen einzusetzen lohnt.
Ibrahim Coskun nimmt dafür in Kauf, Erwartungshaltungen zu enttäuschen, die ihm gegenüber, dem dersimer Künstler, oft geradezu kategorisch geltend gemacht werden. "Landsleuten ist das viel zu abstrakt", sagt er; die wollen in den Bildern etwas Konkretes erkennen oder wiederfinden - gerade bei "einem von uns", von dem sie eine sichtbare Parteinahme wünschen. Aber auch in seiner deutschen Umgebung ist er auf Unverständnis gestoßen: "Warum malt der, wo er doch Dersimer ist, so oder so ähnlich wie viele andere auf der Welt? Wo bleibt das Besondere bei ihm?"
Dies verweist nicht nur auf jenen sozialen 'Entfremdungsprozess', wie er im Grunde alle moderne Kunst betrifft, die sich mit je eigener, autonomer Bildsprache dem Normierungsdruck herkömmlicher Darstellungs- und Wahrnehmungsmuster widersetzt. Bei Ibrahim Coskun ist es überdies der Status als verfolgter und zur Emigration gezwungener Dersimer, unter dem er oft nur gesehen wird. Es manifestiert sich - und sei es nur unterschwellig - in der Zuschreibung von Merkmalen, die man bei ihm sehen will, von einer ihm angeblich doch gemäßen Rolle, die er auch als Künstler zu spielen habe. Deshalb bekommt er mitunter solche Fragen gestellt, wie sie einem deutschstämmigen Künstler wohl nie gestellt würden; da dürfte niemand darauf insistieren, dass in dessen Malerei irgendein Stück Deutschland oder Deutschsein thematisiert sein müsse.
Zweierlei Funktionalisierungstendenzen sind es mithin, derer sich Ibrahim Coskun zu erwehren hat. Er tut es geradezu kompromisslos, allein seiner Intuition folgend, seinem unruhigen Drang, innere Bilder, Empfinden, Stimmungen aus sich herauszulassen und ihnen Formen und Farben zu geben. "Ich explodiere manchmal, wenn ich vor der Leinwand stehe", sagt er und fügt hinzu: "Wenn ich das nicht könnte, würde ich krank werden."
Die Stille und Ordnung, die sein Atelier ausstrahlen, mögen auf den ersten Blick gar nicht dazu passen. Es ist eine gewisse Abgeschiedenheit, die Coskun gewählt hat, vielleicht auch braucht - teilweise aber auch eine, die ihm die Gegebenheiten aufzwingen. So recht zuhause fühlt er sich in keiner Kunstszene - weder in der des Verbands Dersimerr Künstler noch in irgendeiner der hiesigen Künstlervereinigungen. Selbst dass er dann und wann Käufer findet für seine oft großformatigen Bilder, scheint ihm - bei aller materiellen Angewiesenheit - nicht ganz geheuer. Es könne doch sein, meint er zweifelnd, "dass die was ganz anderes daran interessiert, als mich selber interessiert hat, als meine Motive, meine Geschichte, meine Heimat". Um dann achselzuckend einzuräumen, dass man dem wohl nicht entgehen könne, wenn man vom freien Markt lebt, der auch der "freie Markt der Interpretationen" ist.
Es ist ohne Alternative und also ein mühsames 'Geschäft', sich als freischaffender Künstler zu platzieren. Heimat wird Ibrahim Coskun nur in und mit sich selbst finden.

Niko Ewers

Niko Ewers ist Journalist. Er arbeitet als Redakteur des "StadtBlatt" in Bielefeld und ist Mitglied im Kulturausschuß OWL.