Es ist nicht nur Farbe auf Leinwand.
Zu den neueren Bildern von Ibrahim Coskun

Die Bilder Ibrahim Coskuns haben eine starke Sogwirkung. Schon bei der ersten Begegnung mit ihnen werden wir von der Intensität ihres Ausdrucks gleichsam gefangen genommen. Diese Malerei ist expressiv, sie ist zugleich auch abstrakt, ohne jedoch inhaltsfern zu sein. Es begegnet uns eine bemerkenswerte malerische Qualität, die jenseits des Alltäglichen ist, die sich von Bild zu Bild steigert.
,,Erdbilder" nennt Ibrahim Coskun seine in den letzten zwei Jahren entstandenen Werke. Erde im buchstäblichen Sinn sehen wir in den Gemälden nicht, allerdings werden wir sehr bald gewahr, dass vieles mit Erde zu tun hat. Es ist die heimatliche Erde des Künstlers, die hier immer wieder im Vordergrund steht. Sie ist rauh, sie ist aufgewirbelt im Medium der Farbe, doch sie existiert als Faktum, als Motiv für den Maler. Diese Erde zeigt keine harmonisch gestimmte Landschaft, keine heile Welt, in die der Künstler zurückblicken mag. Alles erscheint von innen her unruhig, unbehaglich und auch beunruhigend. Der Blick des Betrachters folgt einem Pinselstrich und ebenso dem Duktus des Spachtels und versucht sich einzufinden in den Gehalt, den Charakter des hier Dargebotenen. Die Farbe bezeichnet konkrete Dinge wie Häuser oder Fragmente von Landschaft wie auch abstrakte Strukturen. Die Farbe äußert sich in diesen Werken mit aller Macht. Fast wäre man geneigt zu sagen, dass es dem Künstler auf eine Wiederbelebung abstrakt-informeller Strukturen geht, die wir aus der Malerei der 50er und 60er her bestens kennen. Doch wäre diese Interpretation einseitig, sie würde uns auf die falsche Fährte locken, würde Intention und Intuition des Künstlers nicht richtig würdigen. Ibrahim Coskuns Gemälde haben eine Substanz, die zum einen ihren Ursprung in seiner kurdischen Herkunft hat, zum anderen sich auf bittere politische Erfahrungen in der real existierenden Türkei bezieht. Es ist bekannt, dass die Provinz Tunceli, die sich in Mittelanatolien befindet und mehrheitlich kurdisch ist, in den 90er Jahren militärischen Operationen ausgesetzt ist. Auch Ibrahim Coskun ist von diesen politischen Bedingungen nicht verschont geblieben. Die Tatsache, dass mehr als die Hälfte seiner bisher entstandenen Gemälde vernichtet wurde, spielt nur die rein materielle Seite dieses Schicksals wieder.
Das oben beschriebene Aufgewühltsein in den Bildern selbst ist also kein rein ästhetisches. Es charakterisiert die Innenwelt des Malers, der bisweilen traumatischen Geschehen ausgesetzt war. Seine Entwicklung hin zu einer expressiven Malerei ist daher nicht zufallsbestimmt, eher ist es eine Folgerichtigkeit. Die Entscheidung, sich so und nicht anders zu äußern, fordert uns daher allen Respekt ab.
Ein malerisches Phänomen bestimmt nahezu alle Bilder dieser Serie: Es ist die Dialektik von Nähe und Ferne. Ibrahim Coskun zeigt Dinge wie Häuserzeilen zum einen sehr konkret, ja fast zum Greifen nahe, nämlich auf der vordersten Bildebene. Zum anderen erscheint ein gedankliches Einnehmen des Motivs gänzlich unmöglich. Die Dinge wirken fern, sehr entfernt vom Betrachterstandpunkt. Die Häuser wirken gespenstisch verloren in einer Art Albtraumwelt. Und umgekehrt das gleiche: Was fern erscheint, ist näher als zunächst angenommen. Diese malerische Strategie, dieses permanente Verschieben von Nähe und Ferne, ist Bestandteil der Bildästhetik von Ibrahim Coskun, ohne dass es bei der reinen Ästhetik bleibt. Die Welt der Sinne, die mit den Augen erfahrbaren Dinge, scheinen dem Maler in einem bestimmten Moment zu entfliehen, ein Festhalten scheint unmöglich, ist vielleicht auch gar nicht gewollt.
Diese Beobachtung wird durch die Tatsache unterstützt, dass in keinem der Werke - nicht einmal in angedeuteter Weise - Menschen auftauchen. Die Erde, die Häuser, die Landschaft sind verlassen, im bildlichen Sinn ist ausschließlich die Farbe existent. Die Farbe bestimmt die Stimmungswelt des Malers, und zwar mit einer Ausschließlichkeit, die überwältigend ist. Und die Farbe peitscht, vornehmlich in jenen Werken, in denen die Abstraktion besonders fortgeschritten ist. Rot, Blau, Gelb, Grün und Weiß vemischen sich hier zu einer dichten Farbwelt, die für den Maler - und ebenso für den Betrachter - ein Entkommen nicht ermöglicht. Die Farbe wirbelt gleichsam ihr inneres Wesen auf, es blitzt und donnert gleichermaßen, und buchstäblich ist jeder Fleck Bestandteil einer Farbflut.
Bei den Werken, in denen Rot dominiert, liegt der Gedanke an ein Inferno nahe. Wenn Blau sein gewaltiges Gewicht ausbreitet, hat man den Eindruck, dass eine große Wasserflut diese Bildwelt unbewohnbar macht. Auch wenn gedämpfte Farben im Vordergrund stehen, so meine man ja nicht, dass harmonische Welten vor uns ausgebreitet werden. Oft hat man bei den Werken, die aus rosa-gelb-weiß-Tönen bestehen, das Gefühl, dass hier die sichtbare Welt buchstäblich weggefegt wurde - eine sehr persönliche Sicht des Malers auf innere wie äußere Ereignisse.
Es ist nicht nur Farbe auf der Leinwand. Farbe bedeutet für Ibrahim Coskun Existenz. Diese »Erdbilder« sind in Gänze Stimmungsbilder. Sie haben eine aufrührende Ästhetik, sind schrecklich schön. Wer der reinen Farbästhetik folgen mag, wird von ihr aufgesogen - dies ist ein Teil der Identität dieser Gemälde. Wer von der Radikalität dieser Werke emotional betroffen wird, hat eine weitere Dimension entdeckt.
Die Bilder Ibrahim Coskuns fordern. Sie lassen weder unser Gefühl noch unser Gewissen einfach vorbeiziehen.

Tayfun Belgin

Tayfun Belgin, geboren 1956 in Zonguldak/Türkei, ist Direktor des Osthaus Museum Hagen.